Frauenarbeit ist in den letzten Jahren immer sichtbarer geworden. Themen wie die eigene Weiblichkeit zu entdecken, Rollenbilder zu hinterfragen, Selbstbestimmung bewusst ins eigene Leben zu holen oder sich mit Fragen auseinanderzusetzen wie:
Was bedeutet es, Frau zu sein? oder Was bedeutet es, Mutter zu sein? – all das ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es wird geforscht, diskutiert, reflektiert. Und das ist gut und wichtig.
Doch was ist mit uns Männern?
Auch Männer stehen vor tiefgreifenden Fragen. Vielleicht werden sie weniger öffentlich geführt, vielleicht oft leiser – aber sie sind nicht weniger bedeutsam. Im Kern geht es um ähnliche Themen, nur aus einer anderen Perspektive. Auch Männer sind eingeladen, ihr Rollenbild zu hinterfragen. Auch sie stehen vor der Aufgabe, ihre Männlichkeit neu zu definieren – jenseits von überlieferten Erwartungen, Leistungsdruck oder gesellschaftlichen Zuschreibungen.
Was bedeutet es heute, ein Mann zu sein?
Was heißt es, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst, für Beziehungen, für Familie?
Was bedeutet es, Vater zu sein – und welche Art von Vater möchte ich wirklich sein?
Und nicht zuletzt: Wie steht es um die eigenen Gefühle? Darf ein Mann sie zeigen? Darf er Verletzlichkeit zulassen, ohne an Stärke zu verlieren?
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, wie kraftvoll es ist, wenn Männer einen Raum finden, in dem sie diesen Fragen ehrlich begegnen dürfen. Ohne Bewertung, ohne Druck – sondern aus dem Wunsch heraus, bewusster, klarer und authentischer ihren eigenen Weg zu gehen.
Seit 2015 leite ich schamanische Ausbildungen. Über einen Zeitraum von meist eineinhalb bis zwei Jahren begleite ich Menschen intensiv auf ihrem Weg. In dieser Zeit zeigen sich immer wieder bestimmte Dynamiken – insbesondere im Hinblick auf Männer und ihre Entwicklung innerhalb der Gruppe.
Zu Beginn der Ausbildung tritt häufig ein bestimmter Männertyp besonders deutlich hervor: selbstbewusst, präsent, erzählstark.
Er zeigt, was er schon alles erlebt hat, was er kann, wie mutig er ist. In den ersten Seminaren bekommt dieser Typ Mann oft viel Aufmerksamkeit. Er wirkt souverän, kraftvoll, vielleicht sogar unangreifbar.
Doch nach einigen Ausbildungswochenenden beginnt sich etwas zu verändern. Spätestens ab dem dritten oder vierten Abschnitt verschiebt sich die Wahrnehmung in der Gruppe. Ein anderer Männertyp tritt in den Vordergrund – leiser vielleicht, aber innerlich kraftvoller. Es ist der Mann, der bereit ist, sich selbst ehrlich zu begegnen. Der sagen kann: „Hier habe ich Fehler gemacht.“ Oder: „Hier beginne ich gerade wirklich zu verstehen.“ Der den Mut hat, Gefühle zu zeigen. Der im Kreis auch Tränen zulassen kann.
Zu Beginn wird dieser Typ Mann nicht selten unterschätzt. In einer Phase, in der äußere Stärke noch im Vordergrund steht, wirkt Verletzlichkeit schnell wie Schwäche. Doch mit der Zeit wird deutlich: Wahre Stärke zeigt sich nicht darin, ein Bild aufrechtzuerhalten oder Erwartungen zu erfüllen. Sie zeigt sich in der Bereitschaft, sich zu wandeln.
Der Mann, der im Kreis weint, ist nicht schwach – er ist mutig. Der Mann, der Fehler eingesteht, übernimmt Verantwortung. Und derjenige, der aufhört, immer alles wissen zu müssen, beginnt wirklich zu wachsen.
Aus meiner langjährigen Erfahrung kann ich sagen: Nachhaltige Entwicklung geschieht nicht dort, wo jemand sein starkes Bild verteidigt, sondern dort, wo er es loslassen kann.
Eines der Hauptthemen, das viele Männer heute beschäftigt, ist das Gefühl, sich selbst im Strudel des Alltags zu verlieren.
Da sind die unausgesprochenen Erwartungen:
Doch dauerhaft stark sein zu müssen hat seinen Preis.
Wer immer funktionieren soll, brennt irgendwann aus.
Hinter der Fassade von Kontrolle und Durchhaltevermögen entsteht nicht selten eine tiefe Erschöpfung.
Und ja – diese Überforderung ist absolut nachvollziehbar. Wer all diese inneren und äußeren Ansprüche gleichzeitig erfüllen will, gerät zwangsläufig an seine Grenzen. Vielleicht geht es deshalb nicht in erster Linie darum, den Alltag noch besser zu organisieren oder sich weiter zu optimieren. Vielleicht liegt die entscheidende Frage tiefer und zwar:
Ein weiteres Thema, das mir in der Arbeit mit Männern immer wieder begegnet, ist die Aussage: „Ich habe kein Thema.“
Auf den ersten Blick wirkt das souverän. Gefestigt. Vielleicht sogar beneidenswert. Gerade zu Beginn von Seminarreihen erscheint dieser Standpunkt stark und beeindruckend – ähnlich wie der Mann, der scheinbar alles im Griff hat.
Doch meine Erfahrung zeigt: Hinter diesem „Ich habe kein Thema“ verbirgt sich häufig etwas anderes. Ich kenne keinen Menschen, der wirklich kein Thema mehr hat. Ich kenne nur Menschen, die keinen Zugang mehr dazu haben – oder gelernt haben, es nicht zu spüren.
Und nein, es ist nicht so einfach, wie zu sagen: „Dann schau es dir doch an.“ So funktioniert innere Arbeit nicht.
Viele Männer haben sich im Laufe ihres Lebens stark über ihre Aufgaben, ihre Funktion, ihre Verantwortung definiert. Sie haben gelernt zu leisten, zu tragen, zu organisieren, zu funktionieren. Dabei kann der Kontakt zu den eigenen inneren Bewegungen leiser werden – manchmal so leise, dass man sie kaum noch wahrnimmt.
Eine weitere große Herausforderung für viele Männer liegt darin, die tief verinnerlichten und blockierenden Glaubenssätze zu erkennen und zu hinterfragen: „Du darfst nicht schwach sein“, „Du musst alles wissen“, „Du musst stark sein“ oder „Du musst für alle da sein“. Diese inneren Regeln sind oft so dominant, dass schon das Bitten um Hilfe oder das Zeigen von Unsicherheit als „Versagen“ empfunden wird. Es fühlt sich an, als würde man sein Gesicht verlieren – vor sich selbst und vor anderen.
Viele Männer haben in ihrem Umfeld die Erfahrung gemacht, dass Verletzlichkeit nicht immer willkommen ist. Wer als Junge oder junger Mann beispielsweise in Situationen, in denen er Gefühle gezeigt oder um Unterstützung gebeten hat, auf Ablehnung, Spott oder Zurückweisung gestoßen ist, lernt, vorsichtig zu sein. Er zieht sich zurück, stellt Fragen seltener und verbirgt eigene Bedürfnisse – aus Selbstschutz. Es sind diese frühen Erfahrungen, die prägend wirken, nicht eine generelle Regel.
Die gute Nachricht: Dieses alte Bild von Männlichkeit bröckelt zunehmend. Je mehr Männer den Mut finden, sich selbst ehrlich zu begegnen, eigene Gefühle zuzulassen und sich zu öffnen, desto mehr lösen sich die alten Muster auf. Mit jedem Schritt, den man sich selbst näherkommt, wird es leichter, echte Verbindung, Vertrauen und Klarheit zu erfahren – und das alte, starre Rollenbild verliert nach und nach seine Macht.
Immer mehr Männer finden den Mut, sich ihren eigenen Themen zu stellen, sie offen auszusprechen und sich selbst, anderen Männern und besonders ihren Söhnen damit vieles zu erleichtern. Der Wandel ist spürbar – Veränderung beginnt im persönlichen Tun.
Welche Themen gerade anstehen, lässt sich individuell klären – sei es im persönlichen Einzelgespräch oder im geschützten Rahmen eines Seminars. So entsteht Raum, um genau dort anzusetzen, wo es für jeden einzelnen wichtig ist.
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass echte Veränderung dort beginnt, wo ein Mann den Mut findet, diese Fragen ehrlich zu stellen – nicht um noch besser zu funktionieren, sondern um sich selbst wieder näherzukommen.
Meine Name ist Michael Vogel – Sohn, Vater, Ehemann, Bruder, Freund.
Ich kenne die Haifischbecken der heutigen Business- und Leistungsgesellschaft.
Die Alpha-Typen, die Könige, die Herrschertypen – die Kämpfe, die Männer „in den Schützengräben ausgetragen“ und ihre ständige Frage „Wer ist stärker?“
Doch es geht auch anders. Wenn du den Mut hast, dein Herz zu öffnen, deinen eigenen Themen ehrlich zu begegnen und auf den ewigen Konkurrenzkampf zu verzichten, dann gibt es einen anderen Weg. Einen Raum, in dem es nicht um Stärke, Macht oder Vergleich geht, sondern um dich selbst – wer du wirklich bist, jenseits von Erwartungen, Rollenbildern und Druck.
Hier kannst du wieder atmen, loslassen und Schritt für Schritt zu dir selbst zurückfinden. Nicht als Projekt, nicht als Leistung, sondern als echter, spürbarer Prozess. Gemeinsam schaffen wir einen Ort, an dem Mut, Vertrauen und Klarheit wachsen dürfen – und du wieder ganz bei dir ankommst
